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Au-Pair-Bericht vom 26.10.2008


Ich halte mich nun seit drei Monaten und vier Tagen in Sidcup, Greater London auf. Es ist zwischendurch eine Menge passiert, ich habe viel erlebt und gesehen, neue Leute kennen gelernt und Erfahrungen gesammelt. Ich fuehle mich sehr wohl und habe mich relativ schnell eingelebt. Deutschland und England unterscheiden sich in vielen Punkten, genau das ist das, was mir gefaellt. Es ist nicht einfach nur ein anderes EU-Land, nein. Es ist eine andere Kultur. Hier moechte ich meine Erfahrungen preisgeben und ein bisschen aus meinem Au-Pair-Alltag berichten.


Essen

Mein erster Eindruck war, dass sich das Essen nicht Besonders vom Deutschen unterscheidet. Fast alles, was es bei uns gibt, gibt es auch hier. Das Einzige, was ich vermisse, ist das gute deutsche Schnitzel. Viele Sachen, die hier typisch sind, findet man allerdings in Deutschland nicht, dazu gehoeren z.B. Baked Beans. Der Britische Kaese ist einfach der Beste! Meine Lieblingssorten sind Red Leicester und Double Gloucester. In meiner Familie gibt es viele deutsche Produkte, so sind fast alle Wurstsorten in Deutschland hergestellt. Frikadellen haben wir hier auch (die heissen auch so), aber schmecken tun die nicht besonders.
Sowieso muss man sich daran gewoehnen, dass hier vieles eventuell nicht schmecken wird. Diese Erfahrung musste ich auch machen. Die Getraenke sind wesentlich zuckerhaltiger als gewohnt. Obwohl alles scheinbar ungesund erscheint, legen die Briten doch einen grossen Wert auf frische und ausgewogene Ernaehrung. So gibt es hier in der Obst- und Gemueseabteilung fast ausschliesslich Bio-Produkte, die sich allerdings preislich kaum von der unteren Klasse unterscheiden. Fleisch wird hier nur sehr wenig gegessen, da es extrem teuer ist. Schaetzungsweise ein Drittel aller Englaender sind Vegetarier, nicht wenige davon Veganer.
In dem Haushalt meiner Gastfamilie isst man zwischen den Mahlzeit ueblicherweise Obst, manchmal Cornflakes. Die Aufteilung der Mahlzeiten ist ein wenig anders.
Zum Breakfast (Fruehstuck) gibt es an Schultagen meistens Porridge (Haferbrei). Die Haferflocken werden mit kochendem Wasser uebergossen und anschliessend mit Milch angereichert. Statt Zucker verwenden wir Honig. Ab und zu gibt es Eggs & Beans (Eier und Bohnen), Bacon und/oder Toast.
Zum Lunch (Mittagessen) gibt es eine kleine, meistens warme Portion wie z.B. Pasta mit Tuna Mayonaise (Thunfischsauce) oder eine Jacket Potato (gekochte Kartoffel mit Schale und einer Beilage, z.B. Baked Beans und geriebenem Kaese).
Die Hauptmahlzeit ist Supper oder auch Dinner genannt (Abendessen) und ist immer eine warme Mahlzeit.
Viele Briten benutzen zum Kochen einfacher Dinge wie Kartoffeln, Gemuese etc. die Mikrowelle. Ausserdem sind Gasherde viel bekannter als Elektroherde.
Das Lieblingsfleisch der Briten ist Chicken (Huhn) oder Roastbeef (Rindersteak). Weisser Fisch wird auch oft gegessen.

Britische Kueche ist sehr traditionell. International bekannt ist sie durch Fish & Chips (Pommes und Fischfilet), gefuellte Pies (Pasteten) und Puddings. Das Old Fashioned Breakfast besteht aus Bacon, Beans, Eggs und Toast.

Das Festessen an Christmas (Weihnachten) ist jedes Jahr gleich. Am ersten Weihnachtstag gibt es morgens die Geschenke, anschliessend ein grosses Truthahn-Essen mit drei oder vier Gaengen. Zum Schluss gibt es einen flambierten Plumpudding, welcher ein silbernes Geldstueck enthaelt und dem Glueck bringen soll, von dem es gefunden wird. Mistletoe (Mistelzweig) wird traditionell ueber die Feiertage im Haus aufgehangen. Der zweite Weihnachtstag heisst Boxing Day.


Freizeit

Meine freien Tage verbringe ich meistens ausserhalb der Gastfamilie. Es gibt viele Dinge, die man hier alleine oder mit anderen unternehmen kann. Wenn ich keine Lust habe, mit dem Bus oder Zug irgendwohin zu fahren, laufe ich zwanzig Minuten bis zur Sidcup High Street. Neben zwei Supermaerkten, einem Woolworth und einem Boots gibt es nicht viele Moeglichkeiten zum Shoppen, so halte ich mich meistens in der Buecherei auf. Die Buechereien im Stadtteil Bexley sind sehr modern eingerichtet und gross genug, um darin mehrere Stunden zu verbringen. Mittwoch Abends gehe ich meistens ins Sidcup Fitnesscenter zum Schwimmen. Die Eintrittspreise sind hier wirklich unverschaemt. Ohne Mitgliedschaft bezahlt man fuer einen Besuch ueber 3 Pounds, darin ist nur die Schwimmbadnutzung enthalten. Das Schwimmbad ist aber in Wirklichkeit nur ein relativ kleines "Schwimmbecken" mit nur 6 Bahnen. Meine Studentenmitgliedschaft hat 17 Pounds gekostet, dennoch bezahle ich ueber 2 Pounds fuer den Eintritt. Bisschen unverschaemt .__.
Bexleyheath hat ein schoenes Shoppingcenter und eine High Street, ist aber relativ klein. Dort befindet sich die Central Library. Mit dem Bus sin des etwa 10-15 Minuten dorthin.
Mein Lieblingsshoppincenter befindet sich in Bromley. Mit dem Bus fahre ich 30 Minuten. Faehrt man ein wenig weiter, landet man nach etwa 45 Minuten im Bluewater Shoppingcenter, einem der groessten Einkaufsmoeglichkeiten in England. In der Naehe von Dartford liegt es bereits ausserhalb von Greater London in einem eigens dafuer ausgehobenen Tal, umgeben von sieben kleinen Seen und Parks.
Freie Wochentage oder den Nachmittag nach einem College-Tag verbringe ich am Liebsten in der City of London. Mit der Bahn sind es gut 30 Minuten bis ins Zentrum. Es gibt aberhunderte Sehenswuerdigkeiten. Sehr interessant sind auch die vielen Museen und Gallerien, die fast alle freien Eintritt anbieten. Meine beiden Lieblings-Lunch-Plaetze sind der Hyde Park direkt am Serpentine (Ein kleiner See) und der Trafalgar Square, neben Nelson’s Column.

London hat viele Superlative wie z.B. das groesste und aelteste U-Bahn-Netzwerk der Welt, die groesste Sammlung an Buechern in der British Library und zusammen mit New York City den weltweit wichtigsten Status der Wirtschaft, Finanz und Kultur. Geografisch gesehen ist sie die groesste Stadt der Welt.
Man braucht schon jede Menge Zeit, um alles wirklich erkunden zu koennen =)


Kindererziehung

Die Kindererziehung unterscheidet sich hier nicht wesentlich von der deutschen. Ich hatte das Glueck, in eine Familie mit sehr gut erzogenen Kindern zu kommen. Meine beiden Gastgeschwister Aedan (3) und Evie (6) sind aufmerksame und intelligente Kinder, die gerne Aufmerksam auf sich ziehen und Spass haben. Ab und zu muss man sehr streng sein, um etwas zu erreichen, aber die Arbeit mit ihnen macht sehr viel Spass. An einem normalen Wochentag besucht Aedan Di-Fr von 9-12am eine Playgroup (Kindergarten) und Evie geht von 8.50am-3.15pm in die zweite Klasse einer Grundschule. Nachmittags bin ich meistens mit den Beiden im Park oder auf einem Spielplatz. Waehrend ich von ca. 5 bis halb 6pm Supper vorbereite, schauen die Beiden fern oder spielen Drinnen oder im Garten. Nach dem Essen geht es nach oben, Zaehne warden geputzt, Haare gebuerstet und Pyjamas angezogen. Anschliessend lese ich ihnen ca. 20 Minuten lang etwas vor und danach ist Feierabend


Freunde

Ist den ersten beiden Wochen war ich fast ausschliesslich mit meinem Vorgaenger-Au-Pair Kristin unterwegs. Als ich mich ein wenig eingelebt hatte, traf ich mich mit anderen Au Pairs aus der Naehe, die ich alle ueber ein Forum und StudiVZ kennen gelernt hatte. Seit meinem Sprachkurs habe ich auch Kontakt zu Nicht-Deutschen-Aupairs. Die meisten anderen Au Pairs haben nur am Wochenende frei, was schade ist, da ich oft Wochentage frei habe und dafuer Samstags und/oder Sonntag arbeiten muss.


Ausgehen

London ist definitiv einer der besten Plaetze zum Feiern. Besonders viel Spass macht es in den Stylegegenden Soho und Camden. Der Leicester Square in Soho ist eine der beliebtesten Pub- und Clubgegenden Londons. Obwohl es recht teuer ist, sind viele Locations extrem ueberfuellt. Vor Mitternacht werden ueberall ID- und Taschenkontrollen an den Eingaengen durchgefuehrt. Meine Lieblingslocations sind der beruehmt beruechtigte Club Tiger Tiger in der Naehe des Piccadilly Circus’, wo schon mehrfach Terroranschlaege veruebt wurden und die Zoo Bar am Leicester Square. Ne, Jenny^^
Super feiern kann man natuerlich auch nachts privat in der Tube, wobei man aufpassen muss, dass man nirgends stecken bleibt. Die Tubes fahren naemlich nicht im 24h-Verkehr.
Briten feiern gut und niveauvoll, aber nicht lange. Die ersten Clubs schliessen fuer gewoehnlich vor 1-2am, nur wenige ausgesuchte und speziell lizensierte duerfen bis ca. 3 oder 4am aufbleiben. Nichts fuer uns deutsche Nachteulen, aber was solls.


Telefon

Telefonieren ist hier relativ guenstig und wird, wie ueberall auf der Welt, noch guenstiger. Einige wenige Mobilfunkanbieter wie Orange und Talk Mobile bieten aussergewoehnlich guenstige Auslandstarife an. Mit 6p oder 4p pro Minute kommt man hier sehr gut weg. SIM-Karten kosten nichts, man bezahlt lediglich das volle oder einen Teil des Guthabens. Nichtsdestotrotz schwoere ich auf Skype – immer noch die beste Moeglichkeit.


Auto

Am Anfang war es furchtbar schwer fuer mich, mich auf den Linksverkehr zu konzentrieren. Ich habe oft auf die falsche Seite geguckt und musste ewig an Buergersteigen warten. Mittlerweile ist es mir vertrauter als der Rechtsverkehr und ich will nicht wissen, wie ich an Weihnachten zu Hause wieder Auto fahren soll
Die Briten fahren ziemlich chaotisch und schnell. Fussgaengerueberwege sind fuer sie auch kein Grund, anzuhalten.


Missverstaendnisse

Missverstaendnisse gab’s zum Glueck noch nicht so oft. Ab und zu habe ich noch ein paar Probleme mit der Sprache, aber auch das kriege ich bestimmt irgendwann in den Griff.


Mentalitaet

Seitdem ich mich in England befinde, habe ich mir natuerlich meine eigene Meinung zu dieser Kultur, den Menschen und vor allem auch Au-Pair-Sein gebildet. Im naechsten Punkt werde ich naeher auf das Thema “Vorurteile” eingehen.
Ich habe mich von Anfang an hier sehr wohl gefuehlt und hatte nie das Gefuehl, von irgendjemandem verurteilt oder gar nicht akzeptiert zu werden. Briten sind meiner Meinung nach sehr viel offener, ehrlicher und freundlicher als Deutsche. Was mir besonders aufgefallen ist, ist dieser locker-leichte Lebensstil, den die meisten hier fuehren. Man zwingt sich zu nichts, man lebt einfach. Die Menschen hier leben nicht, um zu arbeiten. Sie arbeiten, um zu leben. Briten sind sehr arbeitswillig, wenn man von einer gewissen Faulheit absieht. Sie sparen nicht ihr verdientes Geld, um sich teure Autos oder grosse Haeuser zu kaufen. Sie gehen aus, kaufen sich Dinge, die ihnen gefallen und wenn sie keine Lust zum Kochen haben, tun sie es auch nicht. Im Haushalt scheint der typische Brite von Natur aus recht faul zu sein. Es ist nicht unordentlich oder unsauber, es ist einfach nur – ja – chaotisch. Der deutsche Perfektionismus wuerde sich hier im Grabe umdrehen.
Ich habe mich am Anfang auch ein wenig seltsam gefuehlt, als ich in dieses Haus kam. Vor allem, weil es ein recht altes, hellhoehriges Haus ist. Daran musste ich mich erst einmal gewoehnen, ging aber schneller als gedacht. Besonders nervig war das Badezimmer mit seinen alten Wasserhaehnen (zwei verschiedene fuer warmes und kaltes Wasser), dem nicht vorhandenen Spiegel und Muelleimer und der altmodischen Spuelung, welche hier aber normal ist. Eine Dusche gibts hier auch nicht.


Urteile & Vorurteile

Deutsche haben viele Vorurteile gegenueber Englaendern und bezeichnen sie oft und gerne als “Inselaffen”, “Teebeutel” und “konservative Menschen”. Natuerlich, auch Englaender haben ihre Vorurteile uns gegenueber, dennoch schaetzen sie uns fuer unsere Ordentlichkeit, unsere Autos und unsere Sprache. Ich wurde noch nie fuer irgendetwas verurteilt, was mit meiner Nationalitaet zu tun hatte. In den Supermaerkten gibt es neben den britischen Produkten als zweitgroesste Gruppe die deutschen Produkte, welche gerne gekauft werden. Auch gibt es an Weihnachten jedes Jahr einen grossen, gutbesuchten deutschen Weihnachtsmarkt in der Regent’s Street.
Die beliebesten Sketche sind uebrigens Nazi-Sketche, in denen Hitler gerne als aufgedrehte, kleine Schwuchtel dargestellt wird. Das soll nicht deutschlandfeindlich sein, es ist einfach nur ein Spass, den auch Deutsche lustig finden. Der Britische Humor ist einzigartig. Selbst in ernstgemeinten TV-Programmen wie BBC und Zeitschriften wie “The Times” werden wuerdige Themen ironisch dargestellt.
Der groesste Witz ist immer noch das von “Her Majesty” persoenlich geleitete Facebook.


Aktualisiert: 27.10.2008
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